In ganz Europa gehen rechte Parteien als Wahlsieger vom Platz. Wahlmotiv ist oftmals die Unsicherheit in breiten Teilen der Bevölkerung. Denn nach Corona, Ukraine-Krieg, Teuerung und Inflation, sehnen sich die Wähler nach Sicherheit und Stabilität.
Gleichgültig, ob Frankreich, Italien, Deutschland, Polen, Finnland, Schweden oder Österreich: Rechtskonservative Parteien sind im Aufwind. Der Wunsch nach etwas Planbarkeit ist bei den Wählern so groß, dass die Regierenden abgewählt werden, ohne dass die Wahlgewinner erklären müssen, wie sie die Probleme der Zeit lösen wollen. Ein Großteil der Menschen, will einfach eine Änderung, „koste es, was es wolle". Wie in einer Dauerschleife kommt es nahezu immer zum selben Ergebnis. Egal, ob Europa, Staats- oder Regionalwahlen: Die Regierenden werden deutlich abgewählt.
Die Ursache liegt darin, dass es die regierenden Parteien nicht schaffen, den Wählern Sicherheit zu kommunizieren. Sicherheit, in dem Sinne, dass, egal was kommt, eine Lösung gefunden wird. Und solange dieses Unsicherheitsgefühl kommunikativ und sachlich ignoriert wird, werden die Wahlergebnisse so weitergehen.
Beispiele dafür gibt es genug. Zunächst die konzeptlose Zuwanderung. Denn die Flüchtlingskonvention entstand, als es in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg um innereuropäische Flüchtlinge ging. Also Menschen mit einem vergleichbaren Wertesystem und einer ähnlichen Ausbildung. Nun haben wir eine andere Situation: Menschen aus fernen Kulturregionen sollen integriert werden. Begleitende Maßnahmen? Kaum vorhanden. Höchstzahlen? Nicht bekannt. Damit begeht die Politik zwei Vertrauensbrüche: Einerseits gegenüber der heimischen Bevölkerung und andererseits gegenüber den Hilfesuchenden, die auf anfängliche Unterstützung angewiesen sind, damit sie überhaupt die Chance einer Integration haben.
Nächster Halt: Die Corona-Maßnahmen, die in vielen Staaten stattgefunden haben. Hier wurde sehr früh ein falsches Narrativ vorgegeben: Wir müssen solidarisch gegenüber den vulnerablen Gruppen sein, da diese anfällig wären. Und so wurden ganze Länder zugesperrt. Allerdings wäre das Gegenteil logisch gewesen. Die vulnerable Gruppe hätte zu Hause bleiben sollen, um nicht die Spitäler zu überlasten. Der Rest, „business as usual", aber mit Maske. Die Auswirkungen der strikten Corona-Maßnahmen wurden sträflich unterschätzt: Viele Menschen glauben heute schlichtweg den Institutionen nicht mehr. Eine selbstkritische Aufarbeitung hat nicht stattgefunden, genauso wenig wie mit der Flüchtlingspolitik.
Das Zeitalter der Kommunikationsstrategen
Anfang der 1990er Jahre entstand das Akronym VUCA. Dieses beschrieb den Zustand einer multilateralen Welt nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regime. VUCA steht für volatility, uncertainty‚ complexity und ambiguity. Eine Welt, in der nichts mehr sicher ist, sich alles blitzschnell ändern kann. Als wäre der Begriff in einer Prophezeiung vom sagenumwobenen französischen Arzt und Seher Nostradamus (1503-1566) entstanden, kam es auch so. Von der Bankenkrise bis zum Ukraine-Krieg.
Die Krisen wurden von der Politik wegkommuniziert. So wie es lange Zeit Tradition war, wurden Probleme kurz betrachtet und anschließend weggeredet. Dabei wurde übersehen, dass mehrere existentielle Krisen die breite Bevölkerung umfassten. Jede einzelne hatte das Potenzial Existenzen zu vernichten, gleichgültig ob Corona oder Teuerung. Es entstand somit in großen Teilen der Bevölkerung das Gefühl, dass sich niemand der Probleme annahm. Mit Ausnahme politischer Bewegungen, die mit der Betroffenheit der Menschen kommunikativ tanzten und das Gefühl gegen „abgehobene Eliten" förderten.
Der Erfolg dieser Bewegungen hat in allen Ländern fünf gemeinsame Ebenen. Am Anfang stand Migration und nationale Identität. Der Furcht vor Überfremdung wurde viel zu lange nichts entgegengesetzt. Im Gegenteil, sie wurde ignoriert, besorgte Menschen wurden schlichtweg als „national im negativsten Sinne" diffamiert. Als dann wirtschaftliche Unsicherheiten dazukamen, bedingt durch steigende Lebenshaltungskosten und Inflation, verknüpften rechte Bewegungen dieses Thema geschickt mit der Migration. Wieder wurde diese Entwicklung ignoriert und als plumper Populismus abgetan. Dies fördert das Misstrauen gegenüber traditionellen Parteien, breite Teile der Bevölkerung bestrafen diese gefühlte Abgehobenheit mittlerweile mit Ignoranz. Die Menschen fühlen sich nicht mehr verstanden, die politischen Botschaften kommen nicht mehr an. Forciert wird diese Entwicklung durch eine kulturelle Polarisierung. Überbordende Diskussionen über Klimapolitik, Geschlechterfragen oder die Rechte von Minderheiten geben breiten Schichten das Gefühl, dass alles mögliche von der Politik als wichtig eingestuft wird, aber nicht die Verbesserung der Lebenssituation. Heimat finden diese Menschen auf Plattformen und Social Media von Parteien, die diese Emotionen auffangen und gekonnt aufheizen.
Das Versäumnis der Kommunikatoren
Die Aufgabe von politischen Kommunikationsexperten, von PR-Experten ist es, Entwicklungen im besten Fall zu initiieren, in jedem Fall jedoch zu begleiten. Im konkreten Fall heißt das Mittler zwischen den politischen Zielen und den Bedürfnissen der Bevölkerung zu sein. PR-Experten sind keine mit dem Kopf nickenden Mitläufer von Entscheidungsträgern, sondern ihr Gewissen, ihre Sparring-Partner und Begleiter. Dabei gilt es, Themen bottom up zu erfassen und diese top down zu kommunizieren. Grundsätzlich ein einfaches Prinzip. Allzu oft wird allerdings leider auf das Erfassen von Themen vergessen und nur kommuniziert, was gerade „en vogue" erscheint oder immer schon so gemacht wurde. Weiche, selbstherrliche politischen Ansagen, politisch bemüht korrekt und ängstlich. Adressiert an nicht quantifizierbare Minderheiten. Das erzeugt Unverständnis bei einem großen Teil der Steuerzahler und wirkt sich messbar an der Wahlurne aus.
Gibt es Alternativen zum alleinigen Spitzenkandidaten? Ja, die gibt es. Um der Bevölkerung in multiplen Problemlagen Sicherheit zu vermitteln, kann es eine Strategie sein, neben dem Spitzenkandidaten zwei bis drei andere Parteiexperten zu positionieren, die höhere Vertrauenswerte in anderen Problemgebieten vorweisen. Ist der Spitzenkandidat beispielsweise anerkannt für seine Wirtschaftskompetenz, deckt ein anderer Parteiexperte das Thema Sicherheit ab. Kurz gesagt, eine Teamlösung, bei der eines klar ist: Der Spitzenkandidat ist der erste unter gleichen. Dieser strategische Ansatz vermittelt den Menschen eines klar: Ja, wir haben derzeit eine schwierige Situation, die nicht von einem alleine gelöst werden kann. Deshalb arbeiten mehr Menschen daran. Es wäre also hoch an der Zeit über neue, stringente Kommunikationsstrategien nachzudenken, als nur über das traditionelle Konzept des einzigen Spitzenkandidaten.
Die Antwort auf VUCA ist VUCA
Die Strategie zur Bewältigung von VUCA heißt VUCA. Diesmal steht das Akronym für vision, understanding, clarity und agility. Mit einer solchen Strategie kann gegen das Abstiegsszenario gearbeitet werden. Eine Vision, die, aufgesetzt auf das Verstehen der Lebenswelten, klar und methodisch wendig reagiert. Denn in unsicheren Zeiten wollen Menschen mit ihren Sorgen ernst genommen werden. Sie verlangen Klarheit, Präsenz, und Kommunikation. Das ist unser Job.